Ich war neunzehn (DDR 1968)  # bis 20.05.2018

 

 

(Quelle: www.arte.tv)

 

Ein Kunstwerk, eigenwillig, streng, voller Geschichten von den letzten Tagen des Krieges.

Zweifelsohne zählt „Ich war neunzehn“ (DDR, 1968) zu den bedeutenden DEFA-Produktionen und den wichtigen Filmen des deutschen Kinos überhaupt, war er doch stilistisch dem konventionellen Kino weit überlegen, das in den 50er- und 60er-Jahren in der Bundesrepublik Deutschland den Ton angab. Der Neue Deutsche Film, verkörpert durch Wenders, Fassbinder und Herzog, setzte sich ja erst später durch. „Ich war neunzehn“ erzielte übrigens einen beachtlichen internationalen Erfolg, im Unterschied zu den meisten DEFA-Produktionen, die fast ausschließlich in den ehemaligen Ostblockländern vertrieben wurden.

Der Film behandelt von Woche zu Woche den Marsch der Roten Armee auf Berlin vom 16. April bis 3. Mai 1945. Deutschland steht kurz vor dem Zusammenbruch, und seine Soldaten wollen lieber desertieren oder sich dem Feind ergeben, als den Kampf fortsetzen. In den kleinen Städten und auf dem Lande wird ein Gebiet nach dem anderen befriedet. Nur die von sowjetischen Streitkräften belagerte Zitadelle Spandau, in der sich viele Offiziere und Zivilisten verschanzt haben, widersetzt sich anfangs der Kapitulation: Zur Vermeidung eines sinnlosen Blutbades hat die sowjetische Seite Emissäre entsandt, die jedoch vorerst abgewiesen werden. Am Ende des Films schießt eine SS-Kolonne unterwegs auf verwundete deutsche Soldaten, die sich einem kleinen russischen Sonderkommando ergeben haben. Die verschiedenen Episoden werden vom Standpunkt eines blutjungen Leutnants deutscher Herkunft erzählt, der nach zwölfjährigem Exil zum ersten Mal wieder heimatlichen Boden betreten hat: diesmal als Rotarmist. Aufgrund seiner Zweisprachigkeit hat er eine Sonderstellung als Übersetzer und Vermittler zwischen Russen und Deutschen inne.

Das Werk beruht auf Konrad Wolfs eigenen Erinnerungen. Der am 20. Oktober 1925 geborene Sohn des kommunistischen Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf hatte Deutschland als Achtjähriger verlassen: Die Familie war 1933 nach der Machtergreifung der Nazis emigriert und über Österreich, die Schweiz und Frankreich schließlich 1934 in die Sowjetunion gekommen. In der Uniform der Roten Armee kehrte Konrad Wolf dann als Neunzehnjähriger in seine Heimat zurück. „Ich war neunzehn“ ist ein außergewöhnlicher Kriegsfilm, vor allem wegen der Persönlichkeit seines Helden – eines jungen Mannes, der gerade erst die Kindheit hinter sich gelassen hat. Er, der sich beiden Lagern nicht wirklich zugehörig fühlt, wird gleichzeitig Zeuge und Protagonist eines entscheidenden Kapitels des Zweiten Weltkriegs.

„Ich war neunzehn“ ist ein bemerkenswert inszenierter Film voller unvergesslicher Bilder. Zeitlupen, Standbilder und andere Stileffekte werden sehr behutsam eingesetzt, um die angestrebte Authentizität zu wahren. Konrad Wolf gestattet sich auch die für einen Spielfilm ziemlich seltene Freiheit, einen Dokumentarfilmausschnitt einzubauen. Darin zeigt er das Verhör eines Henkers, der vor der Kamera erklärt, wie eine Gaskammer in einem Vernichtungslager funktioniert und bedient wird. Diese Aufnahmen lassen einem das Blut in den Adern gefrieren. Eine andere, diesmal fiktionale Sequenz, veranschaulicht die Verblendung und den Fanatismus der Nazis zu einem Zeitpunkt, als der Krieg praktisch schon verloren ist: Während der Belagerung der Zitadelle Spandau schenkt ein Offizier einem Hitlerjungen, der ihm erzählt, wie er einen russischen Soldaten mit einer Granate getötet hat, sein Eisernes Kreuz. In der Tat hatte das Hitler-Regime kurz vor der Kapitulation Invaliden aus dem Ersten Weltkrieg und Kindersoldaten als letztes Aufgebot in die blutige Schlacht um Berlin geworfen.

Obwohl „Ich war neunzehn“ als realistischer und aufrichtiger Film zu werten ist, trägt er doch zu einer propagandistischen Sicht der Befreiung Deutschlands bei: Er verherrlicht die sowjetische Militärstrategie, die um jeden Preis unnötiges Blutvergießen vermeiden will, verschleiert allerdings schockierende Taten der sowjetischen Truppen, insbesondere die systematischen Vergewaltigungen in Deutschland und Polen: Immerhin wurden zwischen Januar 1945, als die Rote Armee in Deutschland einmarschierte, und Juli 1945, als die Alliierten das Land unter sich aufteilten, fast zwei Millionen deutsche Frauen und Mädchen von Sowjetsoldaten vergewaltigt. Diese Taten waren lange tabu und erscheinen unseres Wissens in keinem Film über den Zweiten Weltkrieg aus den 50er- und 60er-Jahren. Ähnliche Vorkommnisse aufseiten der alliierten Streitkräfte tauchen übrigens auch in keinem Hollywood-Kriegsfilm auf! Da die DEFA-Produktionen der DDR-Filmzensur unterlagen, konnte Konrad Wolf das heikle Thema nicht explizit ansprechen. Aber er setzte zumindest durch, dass es in einer Szene kurz und dennoch unmissverständlich angedeutet wurde.

Darüber hinaus kann man Konrad Wolf auch insofern Mut bescheinigen, als er in einer anderen wichtigen Szene des Films eine weitere, in der Roten Armee verbreitete Geisel erwähnt, den Alkoholismus: Da bringen sich betrunkene Soldaten auf dem Lande gegenseitig um, wodurch sie das kleine Sonderkommando zur Umkehr zwingen.

An dieser Stelle drängt sich eine Vermutung auf: Sam Peckinpah könnte „Ich war neunzehn“ gesehen haben, bevor er neun Jahre später seinen Film „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ drehte!

Credits

REGIE Konrad Wolf
PRODUZENT DEFA-Studio für Spielfilme
DREHBUCH Wolfgang Kohlhaase, Konrad Wolf
KAMERA Werner Bergmann
MUSIK Lied “Am Rio Jarama“ singt Ernst Busch

Darsteller

Jaecki Schwarz (Gregor), Wassili Liwanow (Wadim), Alexej Ejboshenko (Sascha), Galina Polskich (Sowjetisches Mädchen), Jenny Gröllmann (Deutsches Mädchen), Rolf Hoppe (Major)