Filmplakat "draußen" © Real Fiction

Sortiert: Kritik zu „Draußen“

07.03.2018

Ein Jahr lang haben die beiden Regisseurinnen Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias Macht von der KHM Köln die Obdachlosen Matze, Elvis, Peter und Sergio mit der Kamera begleitet. Heraus kam ein atmosphärisches, ruhiges Porträt, das beobachtet statt zu klagen. Schon das verdient Respekt in einer Zeit, in der Obdachlose verprügelt und angezündet werden. Gezeigt wurde der Film zuerst auf der Berlinale 2018 in der Perspektive Deutsches Kino.

Straßengeräusche mahlen sich ins Ohr, die Umgebungen sind ein Park, eine Brücke, ein Wäldchen in der Nähe von Ausfallstraßen mit eifrigem Verkehr. Es sind auch die Orte des Interviews, die die Menschen porträtieren, die offenbar nirgendwo mehr hinmüssen. Sie sind schon nirgendwo, draußen, aber in der Nähe. Die festen Kameraeinstellungen flößen Ruhe ein und fokussieren die Geschichten, die die vier zu erzählen haben. Wo war „Drinnen“, bevor „Draußen“ kam?

Michael hat die Frage für sich geklärt, als er auf seinem Wohnzimmertisch Feuer machte. Sergio, als er nach seinem Banküberfall aus dem Fenster springen wollte und tief drinnen hinter schwedischen Gardinen landete. Peter, als er Freier auf der Strasse ausraubte und Elvis spricht furchtbar gerne über die Ordnung im Heim, die er draußen aufrecht erhält.

Menschen in Dokumentarfilmen sind Kollaborateure – sie stellen sich als Untersuchungsgegenstand zur Verfügung, haben aber auch eine Ausflucht, ob zur Wahrheit oder zu einer anderen Geschichte. Immer setzen sie sich uns mit ihren Äußerungen aus. Das kann hart sein. „Wir sind Trash“ ist so ein Statement von Peter, das suggeriert, die Selbstachtung verloren zu haben. Der Film könnte nun leicht – und mit gutem Recht – in die (selbst-) bemitleidende Richtung lenken. Aber Sunder-Plassmann und Macht gelingt es mit ihrem ästhetischen Konzept, die Würde ihrer Protagonisten unangetastet zu lassen und dem Zuschauer Zeit und Abstand zu gewähren, ohne auf klischiertes Spektakel hinzutreiben. Und doch ereignet es sich: Die anfängliche Berührungsangst schlägt in ruhigem Erzähltempo in die Bewunderung von Überlebenskunst um. Der Film genehmigt es sich an keiner Stelle, offensichtlich führend in die Gespräche einzugreifen, ist allerdings nicht ohne auktoriale Federführung: In szenischen Arrangements, nachts, wenn Michael, Elvis, Matze und Sergio schlafen, werden Gegenstände ihres Alltags von den Macherinnen um ihre Bettstellen herum sortiert. Diese Gegenstände umhüllen sie im Schlaf, wie einen schützenden Kokon, der auf Abstand hält, und sie bringen die Gedanken des Zuschauers ins Schwingen.

Am Ende bleibt ein sensibler Debütfilm der beiden Absolventinnen, in dem nicht gejammert, sondern gut hingesehen wird.

 

Trailer „draußen“, © unafilm, Vimeo

 

draußen

Regie: Johanna Sunder-Plassmann, Tama Tobias-Macht
Drehbuch: Johanna Sunder-Plassmann, Tama Tobias-Macht
Kamera: Sophie Maintigneux, Marie Zahir
Schnitt: Johanna Sunder-Plassmann, Tama Tobias-Macht
Produktionsland: Deutschland
Jahr: 2018
Filmlänge: 80 Min
Filmverleih: Real Fiction

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