Die Dokumentation über eine deutsche Schülerin und einen syrischen Flüchtling wurde im November ausgestrahlt. Screenshot © hr

Kritik an Flüchtlingsdoku auf KiKA

01.02.2018

Nach Berichten verschiedener Zeitungen, wie „Bild“, „Süddeutsche Zeitung (SZ)“, „ Welt“ und „Focus“, gibt es derzeit heftige Kritik an einer Flüchtlingsdoku des KiKA. Der öffentlich-rechtliche Kinderkanal zeigte im November den 25-minütigen Beitrag „Schau in meine Welt – Malvina, Diaa und die Liebe“, der Hessische Rundfunk (HR) wiederholte die Sendung im Januar. Erzählt wird hierin die Liebesgeschichte zwischen der aus dem hessischen Fulda stammenden Schülerin Malvina und einem Flüchtling aus Aleppo, der Diaa genannt wird. Das Paar beschreibt unkommentiert seinen Beziehungsalltag und auftauchende Probleme – nicht zuletzt aus kulturellen Differenzen heraus. Anschauen kann man sich die Sendung mittlerweile nicht mehr, der Sender hat sie von der Internet-Seite genommen. Die Kritik an der Sendung häufte sich zuletzt immer mehr, sowohl von Fachleuten als auch in sozialen Netzwerken.

Einer der ersten Diskussionspunkte war das Alter der Protagonisten. Im Film ungenannt, hieß es auf der KiKA-Internetseite zunächst, das Mädchen Malvina sei zum Zeitpunkt des Drehs 16, der junge Mann 17 Jahre alt gewesen. Als Zuschauer im Internet diskutierten, ob das das wirkliche Alter des vollbärtigen, deutlich älter wirkenden Syrers sein könne, korrigierte der Sender dessen Alter auf 19 Jahre und entschuldigte sich für den „Fehler“ in einer Pressemitteilung. „Als er und Malvina sich kennenlernten, war er 17 Jahre alt“, zum Zeitpunkt des Drehs 19 Jahre, hieß es zur Richtigstellung. Dabei sagte der junge Mann direkt nach der Erstausstrahlung in der KiKA-Sendung „Kummerkasten“, er sei 18 Jahre alt. Als auf der Kika-Facebookseite weiter diskutiert und gefragt wurde: „Warum ist er heute 20?“, antwortete KiKA nur: „Steht in unserer Stellungnahme.“ Der „Bild“ gegenüber berichtete nun Tanja Nadig, die den vom  HR produzierten Film redaktionell betreute, tatsächlich: „Wir haben den Ausweis von Diaa gesehen. Er ist jetzt 20 Jahre alt.“ Er habe zwischenzeitlich Geburtstag gehabt. Genauere Angaben zum Geburtstag wolle man jedoch aus Datenschutzgründen nicht machen. Fest stehe, dass der junge Mann aus Aleppo komme und dass seine Eltern mittlerweile auch in Deutschland sind.

Die Empörungswelle über die falschen Altersangaben wurde auch dadurch verstärkt, dass in den letzten Wochen vermehrt über die generelle Problematik falscher Altersangaben von Flüchtlingen diskutiert wurde, besonders im Zusammenhang mit Straftaten. So erwähnte die SZ im vorliegenden Fall der Altersdebatte um die Doku die kürzlich im rheinland-pfälzischen Kandel stattgefundene Gräueltat eines syrischen Flüchtlings zweifelhaften Alters, der seine Ex-Freundin in einem Drogeriemarkt erstach. Die ungenauen Alterskenntnisse erschwerten den Behörden im Nachhinein die Strafverfolgung, so wie schon in einigen öffentlich diskutierten Fällen zuvor. Außerdem wird beim Altersaspekt immer wieder die Anfälligkeit junger Menschen, besonders auch Minderjähriger, für Ideologien in Verbindung mit zunehmender Gewaltbereitschaft betont. Als dann die „Bild“ aufdeckte, dass Diaa die Facebook-Seite des deutschen Salafisten-Führers Pierre Vogel mit „Gefällt mir“ markiert hat, waren sich selbst Füsprecher der Sendung einig, dass zu dem jungen Syrer mangelhaft recherchiert wurde. Vogel gilt als einflussreicher Prediger und Mitglied eines salafistischen Vereins, der vom Verfassungsschutz beobachtet und inzwischen aufgelöst wurde. In einem Video soll er ein Shirt der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) getragen haben. Der Salafismus hat vor allem für Kinder eine große Anziehungskraft. Im April 2016 stach in Hannover ein Mädchen einen Polizisten nieder. In Islamisten-Kreisen war sie keine Unbekannte: Salafistenprediger Vogel benutzte sie regelmäßig für Propagandazwecke.

Nächster Diskussionspunkt um die Sendung war nach dem Alter und der fragwürdigen Gesinnung der Name des jungen Mannes. In der Doku als „Diaa“ vorgestellt, nannte sich der Mann in der Anschlusssendung „Kummerkasten“ plötzlich „Mohammed“. In der „Bild“ wurde nun in Bezug auf den Name gemutmaßt, Diaa sei eine Ableitung des Nachnamens. In der „Welt“ dagegen hieß es, Mohammed sei der zweite Vorname des Mannes. In wieder anderen Berichten hieß es, Diaa sei der Rufname, Mohammed der eigentliche Name des Mannes.

Auch an weiteren Punkten wurde Kritik an der Kindersendung, die alles Gezeigte unkommentiert stehen lässt, laut. Zum Beispiel möchte der Syrer, der in der Doku mitteilt, dass Religion dem Leben erst Ordnung gebe, dass er Homosexuelle nicht mag und dass er Malvina „einfach schnell heiraten“ will, dass sie keine kurzen Röcke anzieht und stattdessen lieber Kopftuch trägt. Dieser Kopftuchwunsch des Freundes ist wiederum eine der größten Sorgen der Eltern des Mädchens, die in der Sendung zu Wort kommen, dabei jedoch deutlich machen, ihrer Tochter nichts vorschreiben zu wollen. Malvina selbst sagt zum Streitpunkt Kleiderordnung nur, sie hätte „auch einfach Schluss machen können“, aber ihr Freund sei ihr wichtiger als Hotpants. Außerdem habe sie ihm zuliebe auch schon aufgehört, Schweinefleisch zu essen. Die Zuschauer fragten daraufhin in sozialen Netzwerken:„,Ich darf nichts Kurzes anziehen‘ – Was soll diese Kika-Doku meinen Kindern sagen?“.

Als der Hessische Rundfunk den Beitrag im Januar wiederholte, wurden bei der anschließenden Diskussionsrunde des öffentlich-rechtlichen Senders einem Kritiker, dem AfD-Abgeordneten Dirk Spaniel, vier Menschen gegenübergesetzt, die den Film vollkommen unproblematisch fanden. Spaniel äußerte, er sehe es als bedenklich an, dass Malvina in dem Film immer nachgebe. Er frage sich, ob Kinder die Geschichte als Bauplan für eine Beziehung sehen könnten. Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor erklärte dagegen, beide Positionen kämen gut zur Sprache und das Mädchen sehe ja offenbar die Konfliktlinien, denn an einer Stelle sage sie, „das ist nichts für mich“. Die Medienpädagogin Maya Götz berichtete, dass sie durch Befragung von Kindern gesehen habe, dass Malvina als eine Person wahrgenommen werde, die weiß, was sie will. Der Film wirke auf Kinder auch warnend. Dies sei klar ein Informations- und Aufklärungsfilm, so ihr Fazit. Für unproblematisch hält auch HR-Fernsehdirektorin Gabriele Holzner den Film.

KiKA verteidigte auf Facebook den Film damit, dass die Reihe „Schau in meine Welt“ Geschichten „konsequent aus der Sicht von Protagonistinnen und Protagonisten“ erzähle, deshalb fehle eine Kommentierung oder Einordnung. KiKA richtet sich laut Eigenangaben an Drei- bis 13-Jährige, die Sendereihe, in der die Doku lief, an Zehn- bis 13-Jährige. Darauf bezogen äußerte eine Psychologin der „Bild“ gegenüber: „Aus meiner Sicht kann man den Film 12-, 13- oder 14-jährigen Kindern in der Schule zeigen, anschließend mit ihnen diskutieren. Für kleinere Kinder ist er absolut ungeeignet und pädagogisch äußerst fragwürdig“.

Beim MDR, der als Kontrollgremium die Federführung über KiKA hat, sind inzwischen 14 Beschwerden eingegangen, beim HR gingen laut SZ bereits Hunderte Beschwerden ein.

 

Quellen: Bild, SZ, Welt, Focus

 

 

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