DVD-Cover "Berlin-Ecke Schönhauser" © Icestorm Entertainment, Thalia.de

Unter Halbstarken: Kritik zu „Berlin – Ecke Schönhauser“

10.01.2016

Berlin – Ecke Schönhauser gilt als einer der wichtigsten DEFA-Filme. Zu Recht. „Halbstarken“-Filme erscheinen erst einmal nicht allzu geeignet, um eine breitere Gesellschaftsschicht, noch mehr ein politisches System oder gar ein System in einer ganzen Gesellschaftsepoche abzubilden. Oder kann man etwa anhand krawallmachender Jugendlicher an irgendeiner Straßenecke die Komplexität der Gegenwart mehr als ausschnittsweise beschreiben? In Berlin – Ecke Schönhauser gelingt das.

Der Film von 1957, von Gerhard Klein (Regie) und Wolfgang Kohlhaase (Drehbuch), gilt nicht nur laut einer Veröffentlichung des Filmmuseums Potsdam als vielleicht wichtigster DEFA-Film der fünfziger Jahre, sondern nach filmportal.de als einer der wichtigsten deutschen Filme überhaupt. In einer anderen Kritik wird die „bemerkenswert realistische Zeichnung des Ostberliner Alltags […] in einem unpathetischen Stil, der Parallelen zum italienischen Neorealismus aufweist und der die Atmosphäre der Straßen milieuecht einfängt“, gelobt. Die Ähnlichkeit mit dem italienischen Neorealismus mag ein Stück weit stimmen, wenn man etwa an Vittorio de Sicas „Fahrraddiebe“ von 1948 denkt, in dem es ähnlich authentisch und schnörkellos zugeht. Nur wird dort die Armut und Kleinkriminalität in der Not der Nachkriegsvierziger dargestellt. „Berlin – Ecke Schönhauser“ hingegen spielt in den „Goldenen Fünfzigern“, in der Zeit des Wiederaufbaus und Wohlstands. Rein stilistisch mag dieser DEFA-Meilenstein also italienisch beeinflusst sein, inhaltlich wird sich jedoch deutlicher am westdeutschen und amerikanischen Film der Fünfziger orientiert. „Die Halbstarken“, „Himmel ohne Sterne“ und „Endstation Liebe“ bilden deutliche Bezugspunkte.

Marlon Brando am Prenzlauer Berg

Als die weibliche Hauptfigur Angela – gespielt von der West-Berlinerin Ilse Pagé – vom männlichen Protagonisten Dieter (Ekkehard Schall) gefragt wird, wie ihr Traummann aussieht, antwortet sie „Wie Marlon Brando“. Der hatte gerade als Kraftprotz in Tennessee Williams‘ „Endstation Sehnsucht“, verfilmt 1951, seinen Durchbruch und wurde neben James Dean aus „… denn sie wissen nicht was sie tun“ zum Superstar. Die Halbstarken-Filme dieser Zeit sind geprägt von äußerlicher Lässigkeit bei großen latenten Selbstzweifeln. Innerlich zerbrechlich, ist man gern in Gangs unterwegs, spielt den Rebellen, übt sich in Mutproben, zettelt Schlägereien an und ist dem Alkohol nicht abgeneigt. Das geschieht nicht nur aus Verzweiflung. Neben der so geäußerten Kritik an Eltern und Staatsgewalt wird vor allem Lebensfreude und Genuss gesucht. Man hat genug vom ewigen Ernst des Lebens und vom Krieg sowieso. Genauso ist es in Ost-Berlin zu dieser Zeit, am Prenzlauer Berg. Der kalte Krieg wirft zwar schon seine Schatten voraus, noch sind die Sektorengrenzen aber offen. Es ist die Zeit von Petticoat und Rock ’n‘ Roll. Nach Stalins Tod herrscht die Tauwetterperiode. Man kann politische und künstlerische Positionen vertreten, die kurz davor nicht denkbar waren und kurz danach, mit Mauerbau und SED-Plenum in den Sechzigern, undenkbar werden. Gezeigt wird also ein für DEFA-Verhältnisse ungewöhnlich kritisches Bild der DDR.

Turbulenzen zwischen Ost- und West-Berlin

Dieter verweigert strikt den quasi obligatorischen Eintritt in die Staatsorganisation „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ), weil diese entgegen ihrem Namen nicht gerade für Freiheit steht. Meist hängt er mit Angela, Kohle (Ernst-Georg Schwill), Karl-Heinz (Harry Engel) und seiner restlichen Clique am U-Bahn-Bogen Schönhauser Allee ab. Sie hören Musik, tanzen, klopfen Sprüche, flirten und provozieren. Daneben ist die Welt der Erwachsenen von Gewalt, Heuchelei, Fremdgehen und Schwärmerei für den Westen mitbestimmt. Angela muss etwa immer aus der Wohnung gehen, wenn ihre Mutter Männerbesuch empfängt, Kohle bekommt regelmäßig Schellen vom betrunkenen Stiefvater. In Mutproben suchen die Jugendlichen von ihren Problemen Ablenkung. So wettet Kohle mit Karl-Heinz um eine West-Mark, dass er eine Straßenlaterne mit einem Stein runterholt. Als die Polizei kommt und Ärger droht, gewinnt die Handlung schnell an Fahrt: Karl-Heinz versucht sich als Ausweisdieb und geht nach West-Berlin. Dort erschlägt er einen Mann und flüchtet zurück in den Ostteil der Stadt. Hier warten allerdings schon Dieter und Kohle auf ihn, weil sie Ärger wegen eines von ihm gestohlenen Ausweises hatten. Kohle demonstriert an Karl-Heinz nochmals seine Treffsicherheit beim Steinwurf. Als Karl-Heinz getroffen liegen bleibt, flüchten auch Dieter und Kohle nach West-Berlin und landen in einem Auffanglager. Beim Versuch, eine gesundheitliche Beeinträchtigung vorzutäuschen, um dadurch der Rücksendung in den Osten zu entgehen, begeht Kohle aus Versehen Selbstmord. Dieter wird zum Außenseiter im Lager und geht, nicht ohne ordentlich Prügel einzustecken und auszuteilen, freiwillig wieder in den Prenzlauer Berg zurück und erklärt sich vor dem zuständigen Volkspolizisten. Karl-Heinz, der die Attacke von Kohle und Dieter überlebt hat, droht Haft wegen Totschlags. Dieter kommt glimpflich davon und darf nach Hause gehen. Zwar ist es dort alles andere als rosig, nachdem er seine Eltern bereits im zweiten Weltkrieg verlor und ständig Ärger mit seinem Polizistenbruder hat, aber wenigstens erwartet Angela ein Kind von ihm. Man wünscht dem wortkargen, etwas verstimmten, aber eigentlich sympathischen Kerl, dass er nun, wenn schon nicht Freiheit, so wenigstens Familienglück findet.

Kritische Linientreue im politischen Tauwetter

Das scheint auf den ersten Blick tatsächlich alles recht westlich orientiert, es wird jedoch immer wieder deutlich, dass der Film trotzdem linientreu ist: In der Eröffnungssequenz sieht man etwa ein Straßenschild mit der Aufschrift „Hier beginnt der demokratische Sektor von Gross Berlin“ – eine Vermessenheit des Ostens ohnegleichen. Zwischendrin fährt ein West-Berliner Arzt in West-Berlin ziemlich konstruiert mit einer russischen Limousine vor und am Ende sagt der Volkspolizist noch „Wo wir nicht sind, sind unsere Feinde“.

Insofern verwundert es auch nicht, was vielleicht im ersten Moment paradox erscheint: Der Film wurde im Osten erlaubt und im Westen verboten. Eigentlich dachte man, es kommt umgekehrt, weil die Kritik des eigenen und die Sehnsucht nach dem anderen System zu deutlich war. Auf beiden Seiten erkannte man aber nach einigem Hin und Her bei aller westlichen Tendenz die Propaganda von der Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung. Das kann, das muss man dem Film verzeihen. Bei noch größerer Kritik hätte er keine Chance auf ein Erscheinen gehabt. Das politische Tauwetter bedeutete keine Verblendung, auf beiden Seiten wurde trotzdem geschaut, was für das eigene und gegen das andere System verwendbar war oder werden könnte im Rahmen der bevorstehenden Frontenverhärtung. Unterm Strich ist mit Berlin – Ecke Schönhauser trotz einiger kleiner Schwächen ein für DEFA-Verhältnisse erstaunlich guter Film gelungen, der es tatsächlich schafft, anhand halbstarker Jugendlicher ein Porträt nicht nur der Fünfziger zu entwerfen, sondern auch die beiden dunklen deutschen Geschichtskapitel davor und danach einzubeziehen und somit epochenübergreifend bedeutend zu sein.

 

Trailer „Berlin – Ecke Schönhauser“ © DEFA-Stiftung, Youtube

 

Berlin – Ecke Schönhauser

DDR 1957, Regie: Gerhard Klein, Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase, Produktion: DEFA, Musik: Günter Klück, Kamera: Wolf Göthe, Schnitt: Evelyn Carow, Darsteller: Ekkehard Schall, Ilse Pagé, Harry Engel, Ernst-Georg Schwill u.a., Länge: 81 Minuten

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